Liebe Gäste, liebe Bundesbrüder,

Genie und Wahnsinn liegen eng beisammen – gerade auf Akademiker trifft dieses Zitat immer wieder zu. Ein Genie weiß in der Regel trotz aller Bescheidenheit, dass er genial ist. Aber weiß ein Wahnsinniger, dass er wahnsinnig ist?

Stefan Zweig hat sich in seiner berühmten "Schachnovelle", die während des zweiten Weltkrieges auf einem Passagierdampfer spielt, auf die Suche nach möglichen Antworten darauf gemacht.

In einem dreifachen Erzählrahmen stellt er unter anderem den russischen Schachweltmeister Czentovic vor, der in seiner maschinenhaften und teilnahmslosen Art deutlich an die zu Beginn des zweiten Weltkrieges noch unbesiegbar scheinenden Nazis erinnert. Auf der anderen Seite steht – wie könnte es anders sein – ein amerikanische Multimillionär und Schachamateur, der es sich in den Kopf setzt, den Weltmeister zu schlagen. Zusammen mit dem Erzähler der Rahmenhandlung darf er schließlich in einer von ihm finanzierten Partie zwei gegen eins antreten. Das erste Match wird für die beiden ein gnadenloses Fiasko. Auch in einer zweiten Partie stehen sie bereits auf verlorenem Posten, als ein unbekannter Mann, der sich Dr. B. nennt, auf den Plan tritt. Mit klugen Ratschlägen rettet er das Spiel und erreicht schließlich noch ein aufsehenerregendes Remis gegen den Weltmeister. Die Passagiere sind begeistert und fordern ein Entscheidungsmatch, doch Dr. B. lehnt ab und versucht, sich dem Trubel zu entziehen.

In einer weiteren Erzählung innerhalb der Novelle erfährt der Leser schließlich, dass jener Dr.B. ein politischer Gefangener der Nazis war, der einige Monate in einer kahlen Zelle vor sich hin vegetierte und diese nur zu Verhörzwecken verlassen durfte. Als Akademiker ohne Gesprächspartner und ohne Denkaufgaben ist er dem geistigen Verdursten nahe, bis es ihm gelingt, im Verhörzimmer ein Buch zu stehlen. Dieses entpuppt sich als Duden des Schachs, in dem alle berühmten Partien erläutert werden. Obwohl er sich nicht für Schach interessiert, saugt er diese einzige geistige Quelle gierig in sich hinein, bis er das Buch auswendig kennt. Fortan spielt er in seiner Zelle Schach gegen sich selbst – zuerst auf seiner Bettdecke mit Brotkrumen, danach nur noch im Kopf. Unter völligem Verlust der Selbstkontrolle spielt er imaginär für zwei Leute und verliert dabei das einzige, was er noch hat – sich selbst. Das Schachfieber macht ihn süchtig und versetzt ihn in einen Wahnsinn, der irgendwann auch den Nazis auffällt und zu seiner „Entlassung“ führt.

Als er dann tatsächlich auf dem Schiff zu einer letzten Partie gegen den Schachweltmeister antritt, ist es für ihn auch der Versuch, herauszufinden, ob er während seiner Gefangenschaft noch Genie oder bereits schon Wahnsinniger war. „Wer bin ich? Und wenn ja, wie viele?“ Die Antwort auf diese Frage soll für ihn im Spiel gegen den Weltmeister fallen, und es geht jetzt nicht mehr nur um Schach oder um Sieg oder Niederlage. Und siehe da – Dr. B. kann Czentovic tatsächlich schlagen. Doch der Weltmeister fordert ihn zu einer neuen Partie heraus. Gegen den Ratschlag der anderen Passagiere lässt er sich darauf ein, und das Schachfieber ergreift erneut von ihm Besitz. Nach einer nervenaufreibenden Partie gelingt es ihm, dem Weltmeister erneut ein „Schach“ entgegenzuschmettern. Als alle Anwesenden entgeistert auf das Brett starren und niemand ein Schach erkennen kann wird klar, dass Dr. B. ein doppeltes Spiel gespielt hat – in seinem Kopf.

Die Erzählung, die alle novellentypischen Merkmale enthält, hat damit kein happy end, zeigt aber dennoch mit einem Augenzwinkern eine Symbiose von Genie und Wahnsinn. Stefan Zweig ist es gelungen, mit einfachen Worten tief in die Welt der Psyche einzudringen und ein packendes Werk zu schreiben, das immer aktuell sein wird. Auf knapp 100 Seiten wird der Leser selbst vom Fieber ergriffen und verwandelt sich in einen Dr. B., der nicht mehr aufhören kann. Letztlich liefert diese Lektüre viele Denkanstöße, denn der Weg von der Sucht in den Wahnsinn ist oftmals ein kurzer. In der heutigen Zeit laufen wir oft Gefahr, uns selbst zu verlieren, auch wenn die Gefahren sicherlich nicht auf dem Schachbrett zu suchen sind. Aber Internet-und Computersucht/ second life, Alkoholismus und Betäubungsmittel sind nur einige der Gesichter des Dr. B. der Moderne. Vielleicht gelingt es uns, die darin liegenden Gefahren für uns und andere rechtzeitig zu erkennen, bevor sie schachmatt gesetzt werden. Stefan Zweigs Novelle ist nicht nur ein meisterliches Stück deutschsprachiger Literatur, sondern auch eine Warnung.

Das Buch liegt auf dem Arminenhaus aus und ist im Handel für 5,95 € erhältlich.


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