Liebe Gäste, liebe Bundesbrüder,

normalerweise hege ich eine kritische Distanz zu "Bestsellern".
Ratgeber, die das ultimative Glück in drei Tagen versprechen. Bücher von "B-Promis", die uns mitteilen müssen, wie sie den Krebs oder ihr Übergewicht besiegt haben. Romane, in denen sich Vampire in die Herzen junger Mädchen beißen.
Mittlerweile sind solche oder ähnliche Bücher die ersten auf den Ranglisten, die jedoch nur die Quantität des Verkaufs, nicht aber die Qualität der verkauften Bücher wiedergeben.

So kaufte ich mir das als Bestseller angepriesene Buch "Verbrechen" von Ferdinand von Schirach an Neujahr in der Bahnhofsbuchhandlung eigentlich auch nur in Ermangelung einer Tageszeitung. Skepsis war angebracht, da das Thema Kriminalität von je her ungemein populär ist und dementsprechend ausgeschlachtet werden kann.
Jedoch war das Buch ein echter Glücksgriff!


Der Autor Ferdinand von Schirach, geboren 1964, arbeitet seit 1994 als Anwalt und Strafverteidiger in Berlin. Um den Inhalt des Buches zu beschreiben, muss man sich zunächst einer Platitüde bedienen: "Das Leben schreibt die besten Geschichten". Denn in "Verbrechen" erzählt der Autor die kuriosesten und bewegendsten Fälle, die er als Verteidiger so oder so ähnlich erlebt hat.

Insoweit beinhaltet das Buch keine Belletristik. Der Stil der Sprache ist nüchtern und sachlich. Dies entspricht jedoch gerade dem eigentlichen Thema von "Verbrechen", nämlich zum einen das der Beschreibung der realen Art und Weise der Strafverfolgung, zum anderen aber vor allem das der Frage nach Schuld und gerechter Strafe.
Während Kriminalromane immer eine Differenzierung zwischen Gut und Böse schaffen, lassen die eher zu Sachverhaltszusammenfassungen tendierenden Kapitel des Buches die Wertung offen und übergeben sie in die Hände des Lesers. Der Autor zieht sich auf die Erzählerebene zurück und lässt den Leser selbst die Schlüsse ziehen. Gerade dadurch ist Ferdinand von Schirach aber über jeden Verdacht erhaben, uns als "Gutmensch" die Predigt von dem armen Kriminellen zu halten, der eine schlechte Kindheit hatte.

Opfer haben immer eine Lobby. Und das mit gutem Recht. Denn sie haben ja Unrecht erlitten und müssen gegebenenfalls ein Leben lang mit dem Erlittenen leben. Täter haben demgegenüber keine Lobby. Wenn ein Ehemann seine Frau tötet und zerhackt, dann wird in der Öffentlichkeit wohl kaum noch nach dem Beweggrund seiner abscheulichen Tat gefragt und Verständnis gezeigt. Vielmehr wird er der breiten Masse durch die Presse als "Das Monster von ..." vorgestellt.

Ferdinand von Schirach bringt uns dagegen näher, dass hinter jedem Verbrechen mehr als das "Schwarz-Weiss" von Gut und Böse steckt. Denn jede von ihm beschriebene Tat beinhaltet mindestens zwei Geschichten: die des Opfers, aber auch die des Täters. Dadurch wird das Verbrechen nicht beschönigt, aber der Täter wieder zum fehlerhaften Menschen.
Was bringt zum Beispiel einen Ehemann dazu, nach einer langen, zunächst in inniger Liebe geschlossenen Ehe seine Frau zu erschlagen und in Einzelteile zu zerlegen? Warum ertränkt die eigene Schwester ihren schwerstbehinderten Bruder? Ist es lediglich unmenschliche Bestialität oder steckt mehr dahinter? Lässt sich die nicht gut zu heißende Tat am Ende vielleicht sogar nachvollziehen?

Daneben gewährt Ferdinand von Schirach dem Leser auch Einblicke in die alltäglich, manchmal auch fehlerhafte Arbeit der Ermittlungsbehörden und erklärt anhand des Falles wichtige Elemente der deutschen Strafprozessordnung.
Warum darf ein Namenloser, der zuvor zwei Menschen getötet hat, nach ein paar Stunden Haft wieder auf freien Fuß und unbehelligt abtauchen? Wie kann es sein, dass der wahre Täter trotz erdrückender Beweise freigesprochen wird und die Tat ungesühnt bleibt? Ist dies rechtens oder ein Justizskandal?

Die Fragen bleiben offen; der Autor lässt sie den Leser selbst beantworten. Darin liegt die Stärke des Buches, denn der Leser muss sich zwangsläufig ein eigenes Bild machen und eine eigene Antwort finden.

Die bewegendste Geschichte bleibt dem letzten Kapitel vorbehalten.
Sie dreht sich um die Frage nach der gerechten Strafe für ein Verbrechen, also darüber, was "Gerechtigkeit" ist. Jene, die seit der Antike die Rechtswissenschaft und -philosophie beschäftigt und die schon der römische Jurist Ulpian wie folgt zu beantworten versuchte: "Iustitia est constans et perpetua voluntas ius suum cuique tribuendi."
Wie ist ein chronischer Wiederholungstäter zu bestrafen, der zum dritten mal eine Bank überfällt? Muss einen Straftäter - wie oft pauschal in der Öffentlichkeit gefordert - stets die volle Härte des Gesetzes treffen?
Die Geschichte und die Beweggründe dieses Täters werden keinen Leser unbeeindruckt lassen und ihn über den Sinn und Zweck von Strafe und Strafvollzug grübeln lassen.

Das Buch "Verbrechen" von Ferdinand von Schirach bietet tiefgründige Unterhaltung, aber auch - bei allem Schrecken der detailliert beschriebenen Taten - an einigen Stellen Humor. Es lässt den Leser jedoch vor allem jenseits allen Populismus einen differenzierteren Blick auf Verbrechen und deren Bestrafung werfen.


Christian Hasselmann v/o Armstrong ArF! B-Th!


Ferdinand v. Schirach - Verbrechen
Verlag: Piper; Auflage: 13 (19. August 2009)
Sprache: Deutsch
ISBN-10: 3492053629
ISBN-13: 978-3492053624



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